Mittwoch, 19. Dezember 2012

Und sie lebte - natürlich ethisch korrekt - glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende... Oder doch nicht?

Vor einigen Monaten habe ich mir hier die Frage beantwortet, wie es mir mit der veganen Lebensweise geht. Dabei war ich recht einseitig - verständlich, denn ich war verliebt – nur eben in keine Person, sondern in eine sich entwickelnde Lebensweise. Alles schön und gut! :)

Gestern morgen stieß ich bei Saskia von Walking between the lines auf einen Artikel, in dem sie recht deutlich die Schattenseiten ihres veganen Lebens aufzeigt und zwar nicht, indem sie den Finger anklagend auf Andere richtet. Sie berichtet statt dessen von sich, von der Überforderung mit dem eigenen Perferktionismus und wie sie auf ihrem Weg strauchelt, in Frage stellt, ob die vegane Lebensweise ihr "passt", auch wenn sie grundsätzlich hinter der Sache steht. Ein sehr ehrlicher, authentischer Artikel – ohne vorgefertigte Lösungen, sondern mit vielen Fragezeichen und einem offenen Ende!
Ein bisschen kitschig wäre es ja auch: das Happy End, wo Tiere, Veganer und überhaupt alle Wesen in Frieden und Eintracht miteinander leben. Naja, ich bin idealistisch, so dass ich weiter hoffe und an Utopia auf Erden mitarbeite! ;) Aber Saskias Artikel hat mich wirklich ins Nachdenken gebracht!  
Grundsätzlich: An etwaigen Schwierigkeiten ist in meinen Augen nicht die Lebensform an sich "Schuld". Es gibt in meinen Augen keinen alleinigen Verantwortlichen. Es ist mehr eine Mischung aus charakterlicher Disposition und der Tatsache, dass wir in einer unveganen Welt leben! Insofern versuche ich - wie wohl jeder - Tag für Tag das Unmögliche, "um das Mögliche zu erreichen!" (Herrmann Hesse)

"Die Anderen" und "die Welt" mal ganz außen vorgelassen: Wie sieht es denn bei mir aus? Wie geht es mir mit Themen wie "Perfektionismus", „Umgang mit Druck und Erwartungen“, "Überengagement"? Sind das nicht auch alles meine Themen?
Ja, ich gehe meinen eigenen Weg, stelle vorgefertigte Pfade und „Wahrheiten“ erst mal per sé in Frage und erarbeite sie mir selbst. Aber ist das nicht auch eine Reaktion? Wie selbstbestimmt bin ich da wirklich? Ist es nicht so, dass ich mich grundsätzlich mit allem, was man mir entgegen trägt, zu  gegebener Zeit auseinander setze – und das mit 150% Einsatz? Und kostet es nicht so Einiges an Energie, jeden Weg selbst zu beschreiten, mir zu allem selber eine Meinung zu bilden?
Die vegane Lebensweise zog und zieht für mich so unendlich viele Themen nach sich. Selbst wenn dieses Feld abgegrast ist (und es ist groß!), warten da noch so viele unbekannte Territorien und fremde Kontinente auf mich, die ebenfalls erobert werden wollen und nach einer Stellungnahme verlangen . Nach veganer Ernährung folgt(e) die Kosmetik, die Kleidung, regionale, saisonale, fair trade gehandelte Produkte, Palmöl, Soja, Bio, und, und, und!
Immer bin ich in Bewegung, lese, recherchiere, setze mich auseinander und die Dinge neu zusammen, revidiere, stelle gegenüber, versuche eine ganzheitlich harmonische Wahl zu treffen, was in vielen Fällen nicht zu 100% möglich ist. Manches bleibt, manches schafft es nicht, im Alltag zu bestehen, ist nicht meins. Ich lerne jeden Tag neu hinzu – bereits lebenslang, was wohl auch nie aufhören wird. 
Auch wenn ich „meine“ Produkte kenne, mir vermeintliche Gewissheiten und Sicherheiten erschlossen habe, möchte ich immer wieder neu hingucken, auch hinsichtlich der Frage, was es wert ist beizubehalten und wo ich Abstriche mache. So bin ich stets unterwegs, setze Kommas anstatt von Punkten, mache ein neues Fass auf, statt es einfach mal gut sein zu lassen - mal sprudelnd vor Begeisterung und Wissenshunger, dann angeekelt, empört, resigniert oder auch mal erschöpft, um letztlich immer wieder neu Hoffnung zu schöpfen, neu anzufangen, mich neu zu engagieren! Ich glaube, dass ich ganz schön anstrengend sein kann mit meinen ewigen Fragen, meiner beständigen Suche - nicht nur für meine Mitmenschen! ;)
Bei all´ dem Engagement habe ich auch sehr egoistische Motive für meine Lebensweise: Ja, ich bin aus ethischer Überzeugung heraus vegan geworden, aber ich "habe" auch etwas davon: Ich fühle mich dem Kind, das ich einst war, wieder näher! Ich tüftele und forsche damals wie heute gerne, bin neugierig und begeisterungsfähig, habe Ideale und Werte, für die es sich zu leben lohnt und von deren Sinnhaftigkeit ich überzeugt bin. Ich bin Eine unter Vielen, und die kritische Masse wächst.
Mein Blog ist auch so ein Ding – etwas für mich, aber auch ein Versuch eines minimalen Beitrags für die Welt! Ich habe mich vielem gegenüber, was „da oben“ und „da draußen“ schief läuft, früher oft so machtlos gefühlt. Da war die vegane Lebensweise ein regelrechter Ego-Boost, der mir zeigte: Ich kann sehr wohl etwas tun, habe die Wahl als Konsument, auch wenn ich nicht die Welt retten kann, selbst wenn ich es manchmal im stillen Kämmerlein oder auch auf feucht-fröhlichen Feiern ernsthaft erwäge...;)
Im Ernst: Ich glaube tatsächlich an die berühmte Veränderung unserer selbst und ihren Einfluss auf das Große Ganze. Jeder kann seinen Teil beitragen - du mit der Zeit, die du deinen Kindern widmest, ich mit meinem "veganischen" Essen, oder, oder... Jeder auf seine Art und mittels vieler kleiner und großer Entscheidungen.
Ich kann nicht sagen, dass das Leben beschaulicher geworden ist oder einfacher. Wo also ist dieser Aspekt von „Einfach vegan leben“? Gibt es ihn für mich überhaupt? Für mich, von der meine Kollegin sagt: „Wenn alle sich einig sind, kommst du daher und hinterfragst alles!“ ;) Geht „einfach“ für mich mich, die ich immer alles ganz genau wissen will und sich am besten spürt, wenn sie für etwas brennt und sich einer Sache mit Haut und Haar verschreibt? Kühl betrachtet, ist da der Veganismus austauschbar und steht sinnbildlich für einen wesentlichen Teil meines Charakters. Ich will mir das Leben nehmen – in Anführungsstrichen natürlich - , will etwas bewegen, verändern, die Dinge verstehen, das Leben auskosten und ausloten, etwas für die Welt tun. Ja, in mir steckt immer noch so ein kleiner Möchtegern-Weltverbesserer (in Abgrenzung zum Missionar - hoffe ich zumindest!). Das kostet Kraft und sorgt auch immer wieder für Ernüchterung ob der Grenzen meiner und unser aller Macht. Wer brennt, läuft auch Gefahr auszubrennen. Da wünsche ich mir manchmal etwas mehr innere Ruhe, buddhamäßige Gelassenheit und die Weisheit zu unterscheiden, wo ich etwas bewirken kann und wo nicht! Noch so eine Idealvorstellung...

Ich merke, dass es Energie kostet, sich immer wieder mit dem ganzen „Klumbatsch“ zu beschäftigen. Früher war es simpler und klarer - da gab es die vielen Eventualitäten für mich nicht. Ich habe nicht bewusst weggeschaut. Ich hatte einfach andere Prioritäten, wenn es um "Weltverbesserung" ging. 

Ich stelle aber auch fest: Es kostet noch mehr Energie, mich nicht mit offenen, oft bohrenden Fragen auseinanderzusetzen, denn Unfertiges auszuhalten, Dinge nicht für mich klar zu haben, fällt mir schwer. Da drängt so viel in mir nach Klarheit und einem gangbaren, menschlichen Weg für mich in dieser uneindeutigen, pluralistischen Welt.
Und dann ist da diese Sehnsucht, die leise, aber beständig vom einfachen Leben erzählt! Ein neuer Auftrag für die Macherin, die darüber manchmal das Offensichtliche übersieht, tut anstatt (mich) sein zu lassen. 
Manchmal würde ein Teil von mir am liebsten aussteigen. Kennt ihr vielleicht!? Dieser Teil träumt von alten Zeiten, verklärt sie, wo die Realtät sicher oft ganz und gar nicht romantisch ist und war! Diese Seite möchte manchmal gar nicht so viel wissen und wollen! Einfach nur sein. Einfach nur leben – vegan? - Ja klar! In Harmonie mit allem, was ist? - Natürlich! Aber dann bitte auch mit allem, was zu mir gehört. Mit all den Anteilen und Stimmen, die sich oft so uneins sind, die zetern, mich und mein ganz und gar nicht immer ethisch korrektes Verhalten bewerten, widersprüchliche Erwartungen an mich stellen, nie still sind – selbst noch im Wunsch nach mehr Einfachheit. Alles also gar nicht so einfach! ;) Das ist die andere Seite. 

Und die Mischung macht´s, dass mein (veganes) Leben heute einerseits sehr heimelig, intensiv, bunt, kreativ, und authentisch ist. Es hat mehr Substanz, spiegelt meine Werte besser wider. Ich fühle mich (oft) mehr eins mit mir und der Welt. Und morgen wieder ist mein Leben eine Herausforderung, bei der ich immer wieder schauen muss, dass ich mich selbst nicht überrenne und mit meinen eigenen Ansprüchen überfordere! Mich Mensch sein lasse. Mir Zeit gebe, um zu integrieren und zu verarbeiten. Zeit, um EINFACH nur zu LEBEN. In der mein Kopf und auch mein Herz einfach mal Pause haben, um zu regenerieren und hinterherzukommen. Zeit für mich und die innere Zwiesparache, um mich nicht da draußen zu verlieren in der Welt der Informationen, Notwendigkeiten und Erwartungen. Damit ich und meine Seele nicht auf der Strecke bleiben... Der ganz normale Wahnsinn also! ;) (By the way: Wieso muss ich eigentlich immer alles relativieren, damit es nicht soooo schlimm klingt bzw. Smileys an strategisch günstigen Stellen im Text verteilen???)
 
Um es klar zu sagen: Es geht mir nicht um Beliebigkeit im Sinne von Bequemlichkeit, aber darum, bei aller Liebe für die Welt mich selbst einzuschließen und auch mir Gerechtigkeit, Fairness, Geduld und Mitgefühl widerfahren zu lassen. (Himmel - noch eine Bedingung!^^) "Einfach vegan leben" bleibt für mich ein ein Versuch ohne Radiergummi und ein Weg, der viel Achtsamkeit erfordert.
Ja, es geht mir immer noch besser mit "meiner" veganen Lebensweise! Aber einfach vegan leben? Bedingt! Ausrufezeichen ohne Relativierung und Smileys!


Wie geht es euch mit "eurer" jetzt mal bewusst nicht kategoriesierten Lebensweise? Das würde mich sehr interessieren!


Alles Liebe in dieser letzten, hoffentlich einigermaßen entspannten Vorweihnachtswoche,
Momo

Zum Weiterlesen:

Kommentare:

  1. ...ich liebe es vegan zu leben, mir ging es in meinem ganzen Leben noch nie besser...

    ...jede Entscheidung, die man im Leben trifft hat auch Schattenseiten, weil das das Leben ist...

    ...aber eins steht fest.
    ...Ich will zum tagtäglichen Tierleid, aufgrund meines Konsumverhaltens NICHT beitragen...und was die anderen dabei über mich denken, das ist mir egal...
    ...im argumentierten, ignorieren - aber auch tolerieren werde ich immer besser und meine Rolle als Stechmücke in der Gesellschaft nehme ich gerne an, noch dazu, wo es doch für die selbige sooooo wichitg ist...
    ...und die Millionen leidenen nicht-menschliche Tiere einfach keine Stimme haben...

    schönen Tag, vegan l♥ve&peace, miss viwi

    P.S.:ich glaub jetzt habt ihr's geschafft und ich muss jetzt auch mal zu dieser Thematik posten :-)

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    1. Danke für deine erfrischende Antwort! Und auf ins Getümmel, liebe Stechmücke! ;)Ich freu mich auf deinen Beitrag zu dem Thema!

      LG und auch dir einen schönen Tag, Momo

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    2. ...tja, und jetzt hab ich es getan...

      Mein Post zum Thema:
      http://veggietoria.wordpress.com/2012/12/30/lebt-miss-viwi-eigentlich-vegan/#more-1981

      vegan l♥ve&peace, miss viwi

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    3. Danke für die Verlinkung und dass du dem Thema Aufmerksamkeit schenkst! <3 Sehr schön, dass du vor der eigenen Haustüre kehrst! ;)

      Alles Liebe zum Jahreswechsel,
      Momo

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  2. P.S.S.:

    "Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher"
    (Albert Einstein)

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    1. Das gefällt mir! :) Danke fürs Teilen! :)

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  3. "ich stelle aber auch fest: Es kostet noch mehr Energie, mich nicht mit offenen, oft bohrenden Fragen auseinanderzusetzen, denn Unfertiges auszuhalten, Dinge nichtfür mich klar zu haben, fällt mir schwer. Da drängt so viel in mir nach Klarheit und einem gangbaren, menschlichen Weg für mich in dieser uneindeutigen, pluralistischen Welt."

    das trifft es.

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  4. man ist immer anstrengend, wenn man dinge hinterfragt. letztens hat mir n kollege erzählt, dass der firmen-weihnachtsbaum nur 100€ gekostet hat, und ich dann so "der kommt dann halt auch von der plantage, wo die in riesigen monokulturen angebaut werden und ordentlich mit pestiziden behandelt werden. und die werden dann von saisonarbeitern aus polen für 5€ die std geschlagen", da meinte er dann "du kannst einem aber auch echt alles versauen". und das hatte ja noch nicht mal was mit veganismus zu tun...
    ich versuch halt sowas wie ein "gesamtpaket"; möglichst öko, vegan und ein bisschen fair zu den menschen. ein "perfekt" gibts da eh nicht.

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    1. Ich kann´s aus seiner Warte sogar verstehen... Und auf der anderen Seite ist´s natürlich völlig richtig, was du da ansprichst - leider!
      Ja, so versucht jeder sein Bestes. Ich find die Auseinandersetzung mit der Umwelt persönlich weniger anstrengend wie die mit mir selbst!^^

      LG, Momo

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  5. Mausiflaus, ja mag halt niemand hören sowas und wenn man wa sagt denkt eh niemand drüber nach was zu ändern. Mit den Weihnachtsbäumen ist eh blöd, man kauft so nen abgeschlagenen Baum und wirft den dann nach Weihnachten weg, find ich bischen schade.

    Wenn man wenigstens einen im Topf nehmen würde und den dann im Garten pflanzt.

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    1. Ja, ich hoffe, dass unserer sich verpflanzen lässt. Einer der Bäume aus meiner Kindheit stand jahrelang im Garten bei uns! Klar, noch "besser" wär´s die Bäume einfach stehen zu lassen...

      LG, Momo

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    2. früher haben meine eltern so topf-weihnachtsbäume gekauft, die halten zwar etwas länger, aber nach dem verpflanzen sind die dann doch eingegangen; wahrscheinlich weil die wurzeln größtenteils abgehackt werden, damit die in relativ kleine töpfe passen. ich persönlich brauch eh keinen baum. und wer s weihnachtlich haben will, der kann sich ja mal überlegen, ob nicht ein paar zweige ausreichen.

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    3. Auch ne gute Idee.. Weihnachten bei uns ist im Wandel, wie so viel. Mal sehen, wie es nächstes Jahr wird. Schön finde ich, dass Schatzi und ich uns dieses Jahr einfach Zeit stat Zeuch schenken. Ansonsten möchte ich nach und nach bewusste Entscheidungen treffen, die für mich stimmig sind - ohne Außendruck, auch wenn ich mit nem Blog natürlich auf dem Präsentierteller sitze!^^

      LG und dir ein paar wunderschöne Festtage, so wie du sie für dich haben magst,
      Momo

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