Donnerstag, 6. Juni 2013

1. Junikalender-Türchen: Buchvorstellung: "Abgespeist" von Thilo Bode*


Es ist Ehrensache, dass die Impulsgeberin zu der Aktion "Junikalender 2013" die Ouvertüre spielen darf, denn ihrer Idee eines virtuellen, veganen Adventskalenders ist es zu verdanken, dass es nun ein Pendant im Sommer gibt: Carola von twoodledrum ist mittlerweile aus der veganen Foodblog-Szene nicht mehr wegzudenken, wobei sich ebenso der Klick auf ihren Zweitblog "A moment isn´t very long" zum Thema Nachhaltigkeit lohnt! Vielen ist Carola auch bekannt durch den Vegan Wednesday, den sie zusammen mit Cara von think. care. act, Regina von muc.veg und Julia von Mixxed Greens ausrichtet ausgerichtet hat. In diesem Zusammenhang habe ich Carola kennengelernt und  festgestellt, dass wir in vielerlei Hinsicht ähnliche Ansichten und Themen teilen, auch wenn die Rohkost bei mir vieles nochmals auf den Kopf gestellt hat.:D Ich freue mich sehr, dass ich Carola für den Junikalender gewinnen konnte und wünsche euch und mir viel Spaß mit ihrer Buchvorstellung "Abgespeist"!

Logo: Carola
Hallo zusammen,

ich bin Carola, vegane Foodbloggerin auf twoodledrum – und das vegane Leben war auch der Verbindungspunkt zwischen Frau Momo und mir, über den wir uns kennengelernt haben. Im Dezember war sie mit Coco Bean Macaroons auf meinem Blog zu Gast, und ich freue mich sehr, jetzt im Gegenzug einen Beitrag zum Junikalender leisten zu dürfen! Thematisch ist Frau Momos Blog deutlich breiter aufgestellt als twoodledrum, was für mich den Reiz ausmacht. Ich selbst bin eher bodenständig und konventionell und finde es daher immer wieder spannend, über alternative und spirituelle Themen zu lesen. Zuletzt habe ich insbesondere die 40-Tage-Yoga-Challenge mit Interesse verfolgt (und verfolge sie noch). Mein Beitrag heute dreht sich aber um etwas ganz anderes, und zwar um ein Buch, das mich vor Kurzem sehr zum Nachdenken angeregt hat.

Bild: Carola


Den Titel des Buches von Thilo Bode, „Abgespeist“, kennen wohl viele. Untertitel: „Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können“. Das Buch ist schon 2006 erschienen, ich habe mich jedoch lange innerlich dagegen gesträubt, es zu lesen, denn reißerische Titel (und vor allem Texte) sind mir zuwider. Neulich fiel es mir jedoch in unserer Stadtbücherei in die Hände, und ich war am Ende von der Lektüre mehr als positiv überrascht. Nicht in erster Linie, weil ich jedem Punkt des Autors kompromisslos zustimmen würde, sondern, weil es meinen Horizont erweitert und meine Sicht auf einige Dinge verändert hat. Aber der Reihe nach.

Zuerst eine kurze Zusammenfassung des Inhalts: Die Verbraucher hätten beim Lebensmittelkauf nichts zu melden und würden gezielt nicht oder sogar falsch informiert. Qualitätsunterschiede könne der Verbraucher nicht erkennen, und daher hätten auch die Produzenten kein Interesse daran, qualitativ hochwertige Ware anzubieten, da sie sie nicht in einen höheren Preis umsetzen könnten. Hinzu komme insbesondere auf dem Fleischmarkt, dass die gesetzlichen Regelungen Betrug wie z. B. den Verkauf von Gammelfleisch geradezu provozierten. Und der Staat spiele mit: Statt die Verbraucher vor Giften wie Dioxin in Eiern, Cumarin in Zimt, Spritzmitteln auf Gemüse und Uran in Mineralwasser zu schützen und die betreffenden Produzenten offen zu nennen, verließen sich die Kontrollinstanzen und die Politik auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie. Mögliche Umsatzeinbußen seien wichtiger als die Information der Verbraucher. Das alles sei kein Wunder, denn die Politik sei von Lobbyisten durchsetzt, die Gesetze einseitig im Sinne der Industrie und der Landwirtschaft beeinflusst. Teilweise schrieben die Interessenverbände die Gesetze direkt selbst, und der Verbraucher werde darüber nicht aufgeklärt. Auf EU-Ebene kämen noch die Verzerrungen des Weltmarktes durch verschiedenste Arten von Subventionen hinzu, die in der sogenannten „Dritten Welt“ Entwicklung verhinderten und zu Hunger führten. Aus all diesen Gründen handele ein Verbraucher, der sich bei seinen Einkäufen in erster Linie am Preis orientiert, absolut vernünftig, denn er habe kein anderes Kriterium zur Verfügung, um seine Entscheidung zu treffen. Kennzeichnungen wie das Bio-Siegel schafften hier zwar Abhilfe, aber diese Produkte seien nur für Besserverdiener erschwinglich, obwohl es doch Aufgabe des Staates sein müsse, gesunde und unbelastete Lebensmittel für alle zur Verfügung zu stellen, die auch anderen Kriterien wie z. B. Tierschutz genügten. Dies könnten Verbraucher jedoch nicht einfordern, denn die deutsche Gesetzeslage verlange für ein Urteil den konkreten Nachweis einer Schädigung, und das sei bei Lebensmitteln naturgemäß schwierig. Daher seien die Strafen bei Lebensmittelskandalen oft lächerlich niedrig oder würden gar nicht erst verhängt. Um diese Missstände zu ändern, sei es erforderlich, dass sich die Verbraucher zusammenschlössen und ihre Interessen klar artikulierten. Die Abstimmung im Supermarkt sei, eben weil keine Informationen über die Produkte vorhanden seien, eine Illusion.

Wie erwartet, vertritt Thilo Bode also sehr klare Positionen. Seine zentrale These ist, dass im Lebensmittelbereich die Verantwortung für Nachhaltigkeit und Gesundheit nicht beim Verbraucher, sondern bei der Politik liege. Er weist auf die Gefahren von Selbstverpflichtungen von Unternehmen hin, wie es auch der amerikanische Wirtschaftsprofessor Robert Reich in seinem Buch „Superkapitalismus“ tut: Durch diese scheinbar verantwortlichen Handlungen könnten Politiker vermeiden, sich Kritik aus der Wirtschaft auszusetzen, und dennoch als Verbraucherschützer dastehen. Was aber tatsächlich passiert, sei, dass notwendige gesetzliche Regelungen unterblieben. Unternehmen, so Robert Reich und Thilo Bode, seien per se nicht dafür gemacht, moralisch zu handeln. Sie seien an Gewinn interessiert und nur so lange bereit, sich für gesellschaftliche Belange einzusetzen, wie es diesem Ziel diene. Daran sei nichts Falsches; wichtig sei nur, dies im Hinterkopf zu behalten und die Politik nicht aus ihrer Handlungsverpflichtung zu entlassen.

Also noch mal zum Mitschreiben: Die Verantwortung dafür, dass wir gesunde und nachhaltige Lebensmittel zu uns nehmen, liege nicht in erster Linie bei uns, sondern bei der Politik. Es stehe gar nicht in unserer Macht, hier etwas zu verändern. Aber steht das nicht gerade im Gegensatz zu dem, was „wir“ Veganer, Ökos usw. immer wieder predigen, wenn wir von Eigenverantwortung, Abstimmung mit dem Einkaufswagen und der Bedeutung persönlicher Konsumentscheidungen reden und schreiben?

Teils, teils, würde ich sagen. Recht gebe ich Thilo Bode auf jeden Fall darin, dass der Staat die Aufgabe hat, die Versorgung aller Bürger mit gesunden und nicht vergammelten oder vergifteten Lebensmitteln sicherzustellen. Wer würde das oder die Schädlichkeit der Verflechtung von Industrie und Politik bestreiten? Verbraucherschutz muss hier gewiss einen höheren Stellenwert einnehmen.

Und auch im Bereich der Verbraucherinformation besteht gewiss Handlungsbedarf. Ich denke, dass jede/r, der sich um einen nachhaltigen Lebensstil bemüht, diese Erfahrung schon unendlich oft gemacht hat: Man stellt fest, dass mit einem Produkt, das man bisher bedenkenlos konsumiert hat, „etwas nicht stimmt“, und macht sich auf die Suche nach Alternativen. Dabei stößt man aber auf so viele Informationslöcher, Unstimmigkeiten und Widersprüche, dass man am Ende verwirrt zurückbleibt und sich fragt, ob es wirklich so schlimm wäre, beim Alten zu bleiben – offensichtlich gibt es entweder nichts Besseres, oder man kann es nicht erkennen. Hier teile ich Thilo Bodes Meinung: Es ist definitiv Aufgabe der Politik, die Verbraucherinformation so zu verbessern, dass es möglich ist, beim Einkauf wirklich objektive Entscheidungen zu treffen, sodass man sich nicht nur auf sein Gefühl verlassen muss. Und diese klar erkennbare und leicht verständliche Kennzeichnung von Produkten muss nicht nur im Bereich von Ökologie und Sozialem, sondern auch bei Gesundheitsaspekten (z. B. Zuckergehalt von Lebensmitteln, Deklaration von Zusatzstoffen) erfolgen. Dabei geht es auch Thilo Bode nicht darum, den Verbraucher zu bevormunden. Er soll nur in die Lage versetzt werden, eine (für sich) vernünftige Wahl zu treffen und Qualitätsunterschiede zu erkennen.

Hier setzt allerdings meine Kritik an: Nicht jedes Problem in der Lebensmittelproduktion lässt sich durch mehr Information lösen. Manchmal funktioniert nur der Verzicht. Kontrolle, Nachhaltigkeit und Transparenz gut und schön – niemand will vergiftete Erdbeeren oder Schweinefleisch aus Massentierhaltung. Eigentlich. Aber mal abgesehen vom Preis für nachhaltige Produkte, den viele nicht bezahlen können, ist die artgerechte Haltung von Tieren bei den Massen an tierischen Produkten, die gegessen werden, schlichtweg nicht möglich. Dieselbe Situation bei Palmöl. Wo sollen denn die riesengroßen nachgefragten Mengen herkommen, wenn nicht aus ehemaligen Regenwaldgebieten? Mein größter Kritikpunkte an Thilo Bodes Buch ist daher, dass die Verantwortung für einen maßvollen Konsum, die einem auch der Staat nicht abnehmen kann (es sei denn, er rationiert), nicht angesprochen wird. Das mag auch nicht Ziel des Buches sein, aber es erzeugt meiner Meinung nach die Illusion, dass an unserem grundsätzlichen Lebensstil und –standard nichts Falsches sei, und erleichtert daher das komplette Ausblenden der Verantwortung jedes Einzelnen für die eigenen (vor allem quantitativen) Konsumentscheidungen.

Für mich persönlich nehme ich also mit: Die Eigenverantwortung, die ich wahrnehme, ist richtig und wichtig, ohne geht es nicht. Dennoch habe ich nun vor, mich stärker als bisher politisch zu engagieren – wie auch immer dies aussehen mag, ganz schlüssig bin ich mir da nämlich noch nicht. Aber Thilo Bode hat schon Recht: Wenn jeder nur sein eigenes Süppchen kocht, wird sich im großen Stil nichts ändern.

Ach so, und falls ihr noch wissen wollt, wie mir das Buch ansonsten gefallen hat: Es ging so. Es macht definitiv auf viele Missstände aufmerksam, und oft kam ich aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Daher ist es vermutlich gut dazu geeignet, auch Leute, die sich ansonsten nicht mit dem Thema Lebensmittel und ihrer Herkunft beschäftigen, aufzurütteln. Allerdings ist es tatsächlich oft sehr reißerisch geschrieben, es bedient Klischees (z. B. das des Bauern, der nur den wirtschaftlichen Erfolg im Blick hat und dem die Tiere egal sind), widerspricht sich teilweise selbst (indem es im selben Atemzug Mitleid mit den bäuerlichen Familienbetrieben weckt, die im Zug der Konzentration der Landwirtschaft aufgeben mussten) – hier hätte ich mir etwas mehr Differenzierung gewünscht. Abgesehen vom oben genannten Hauptkritikpunkt, dass das Buch eine Rechtfertigung dafür sein könnte, gar nichts zu tun, kann ich es aber zur Lektüre durchaus empfehlen, auch wenn ich es mir wohl selbst nicht kaufen werde.

Über den Autor: Thilo Bode war mehrere Jahre Geschäftsführer von Greenpeace und gründete 2002 die Verbraucherorganisation foodwatch.


Den Titel kaufen? - Gerne!*

-lichen Dank sagt Frau Momo

Weitere Junikalender-Beiträge findest du in dieser Übersicht! 
 


Kommentare:

  1. Tja, der Aufruf zu Verzicht bzw. bewusstem und reduziertem Konsum verkauft sich halt schlecht. Lieber auf "die Politik(er)" schimpfen und die Verantwortung abgeben, das ist lukrativer.

    Abgesehen davon kann ich die Position, dass politisch deutlichere Vorgaben gemacht werden müssen, problemlos unterschreiben.

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  2. Nur die Politik könnte wirklich was ändern, leider. Damit wir Verbraucher was ändern, müssten wir erstmal gut informiert sein und auch noch danach handeln. Wenn man das selbst macht, denkt man meist auch, die anderen machen das auch so, aber die Meisten kümmern sich leider gar nicht darum :(

    Ich weiß noch wie Nokia in Bochum zu gemacht hat und alle zum Boykott aufgerufen haben. Das hat nur wenige Wochen gedauert, bis die ersten bei uns in der Firma wieder stolz mit ihrem 1-Euro-Handy von Nokia ankamen. Der Lebensmittelmarkt ist noch undurchschaubarer :(

    Ich habe das Buch auch gelesen und kann es nur empfehlen. Wer regelmäßig bei Foodwatch mitliest, kennt zwar viele Beispiele schon, aber in der geballten Form war mir das Ausmaß auch nicht bewusst.

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    1. Danke für dein Feedback! :) Ich glaube dennoch, dass auch der Einzelne etwas tun kann! Alles Andere nährt in meinen Augen den Glauben an einen Opferstatus. Ich denke, wenn genügend Leute diesen aufgeben, wird sich das auch eines Tages in der Politik wiederspiegeln. Im Großen wie im Kleinen.

      Liebste Grüße,
      eine unverbesserliche Idealistin :P

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    2. Na wollen wir es mal hoffen :-) Aufgeben geht nicht, ich tue ja was, aber manchmal kommt man sich so verloren dabei vor. Erst eine kritische Masse kann was ändern! Auf ein paar Idealisten sch... die doch und der Rest wird mit Marketing eingeseift :-(

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    3. Mir "egal", auf wen und was die scheißen. Daran kann ich sie nicht hindern... Ich bin mir sicher, dass die mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit der Masse rechnen. Ich baue darauf, dass Idealismus ansteckend ist und sich etwas bewegt - Stück für Stück. Alles Andere ignoriere ich geflissentlich - so gut es geht. Macht Einen nur verrückt! ;)

      LG, Frau Momo

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