Freitag, 14. Juni 2013

9. Junikalender-Türchen: Interview mit Amala Krähenfeder zu Kundalini-Yoga


Amalas Blog "Die Netzwirkerin" war der erste in meinem Reader, der über die vegane Ernährung hinaus auch spirituelle Themen und vieles Andere mehr enthielt, nachdem ich letztes Jahr in die (vegane) Bloggerwelt eingetaucht bin. Seitdem lese ich sehr regelmäßig mit und schätze Amalas authentischen Sti und ihre Ehrlichkeit. Hier schreibt in meinen Augen eine starke Frau, die sich nicht scheut auch mal unbequem und verletztlich zu erscheinen und auch einmal ohne Antworten und ein Happy End dazustehen, was meinen tiefsten Respekt verdient. Für mich ist sie eine der sichtbarsten Frauen in der deutschen, spirituell-veganen-sonstwie-kategorisierten*g Bloggerszene und immer wieder inspirierend. Sie schreibt über ein großes Repertoire an Themen, über Feminismus, Nähen, Leben mit Behinderung, Yoga, Leichtes und Schweres und noch viel mehr. Es gibt keine Rubrik, die ich besonders vorziehe, weil die Mischung einfach genau meins ist! Ein Lieblink halt, so dass ich mich  sehr gefreut habe, als Amala ihre Bereitschaft signalisierte, einen Beitrag für den Junikalender zu verfassen. Und dann erst das Gimmick am Ende!*kreisch. Ich glaube ernsthaft, Amala kann hellsehen! ;) Ein bisschen zumindest! :D Denn an genau so was habe ich ewig - bislang vergeblich - rumgefeilt! :) Danke, du Schatz! :)

Logo: Amala
Liebe Amala!



Erst einmal vielen lieben Dank für deine wunderbare Idee, mit dir - als Beitrag für den Junikalender - ein Interview über Kundalini Yoga zu führen! Ich bin schon sehr gespannt auf deine Antworten und freue mich sehr, dir ein Loch in den Bauch fragen zu dürfen! :)
  
Liebe Momo,

ich danke Dir ganz herzlich für die Gelegenheit, an Deinem Juni-Kalender teilzunehmen. Ich hoffe, daß Deine Leserinnen und Leser genauso viel Spaß an dieser schönen Aktion haben, wie ich beim Beantworten Deiner Interview-Fragen hatte :)

Ein bißchen zu mir: Ich heiße Amala, bin Mitte 30, gehbehindert und lebe mit meinen beiden Partnern, unserem Sohn und vier Katzen in Baden. Seit einer gefühlten Ewigkeit befasse ich mich mit spirituellen Themen und bin Anfang 2012 zum Kundalini-Yoga gekommen. In diesem Frühling habe ich außerdem mein Kochbuch „Meine vegane Hexenküche im Jahreskreis“ veröffentlicht.
Mein Blog, die Netzwirkerin, gibt es seit rund fünf Jahren. Ich schreibe über Kundalini-Yoga, Veganismus, Spirituelles, das Leben mit Behinderung und viele andere Dinge, die mir gefallen.

Interview mit Amala

Was macht Kundalini-Yoga in deinen Augen aus? Gibt es feste „Regeln“ und Riten?

Ziel von Kundalini-Yoga (KY) ist es, die uns allen innewohnende Schlangenkraft („Kundalini“, wörtl.: Haarlocke) zu erwecken und durch die Chakren bis in die Aura aufsteigen zu lassen, was KY auch den Beinamen „Yoga der Energie“ eingebracht hat.
Durch eine erwachte Kundalini haben wir Zugriff auf unser volles menschliches Potenzial, sind wacher, kreativer, spiritueller, fühlen uns insgesamt lebendiger und finden in letzter Konsequenz zu God (mit dem Wort „Gott“ habe ich so meine Probleme, daher verwende ich das englische Wort so, wie Yogi Bhajan es umschrieben hat: Generate / erschaffen – Organize / organisieren – Destroy / zerstören,). Genau das ist es, was KY für mich ausmacht. Ich habe mich schon in vielen spirituellen Richtungen umgesehen, aber nirgendwo habe ich dieses enorme Ausmaß an Klarheit, Wachheit und Zufriedenheit erlebt.

Bild: Amala
Im KY praktizieren wir dynamische Übungen (Asanas), Atemübungen (Pranayam), das Lenken der Energie (Bhandas), Tiefenentspannung, Meditation und chanten Mantras. Insofern stellt KY eine Art „Komplettpaket“ dar, während es manche andere Yoga-Arten gibt, die sich auf Teile dieses Pakets beschränken.

Das KY, das ich mache, wurde von Yogi Bhajan 1969 von Indien in den Westen (zuerst nach Californien) gebracht, und mit ihm sind einige „Regeln“ und „Rituale“ verknüpft, die es in anderen KY-Traditionen nicht gibt. Beispielsweise stimmen wir uns zu Beginn einer Yogastunde mit dem Mantra „Ong Namo Guru Dev Namo“ („ich verneige mich vor der Schöpferkraft, ich verneige mich vor dem göttlichen Lehrer“) ein und Yogi Bhajan hat zudem einen Chant zur Ausstimmung erdacht.
Wir tragen beim KY nach Yogi Bhajan in der Regel weiße Kleidung und eine Kopfbedeckung, was Einfluß auf den Energiehaushalt hat.
Außerdem werden die von Yogi Bhajan gelehrten Übungsreihen (Kriyas) nicht abgewandelt: die Übungen werden in der Reihenfolge gemacht, die er vorgegeben hat. Allerdings kann man die Übungsdauer verkürzen oder Übungen abwandeln, wenn man sie anders nicht machen kann, z.B. bei einer Behinderung, einer Krankheit oder bei Schmerzen.

Ist Kundalini-Yoga tatsächlich so gefährlich, wie ich es manchmal lese?

Genau wie bei anderen spirituellen Erlebnissen (z.B. Nahtoderfahrungen, schamanische Reisen etc.) gibt es in unserer Gesellschaft oft kein Verständnis für die Erfahrungen, die man macht, wenn die Kundalini erwacht und aufsteigt. In der Regel sind solche Erfahrungen eher mit Angst und Skepsis als mit Freude belegt, weil sie nicht Teil unseres westlichen Lebens und Erlebens sind.

Wenn die Kundalini aufsteigt, setzt das enorme Kräfte frei; so wird von Kundalini-Erweckungserlebnissen berichtet, bei denen die Menschen nur noch sehr wenig Schlaf benötigen und dennoch über die Maßen aktiv sind. Der Aufstieg der Kundalini kann sich z.B. auch anhand von starken Hitzeempfindungen, kreativen Schüben und einer Öffnung für die spirituelle Welt zeigen – also alles Dinge, die für uns verkopfte Europäer schwer greifbar und daher kaum zu verstehen sind.

Ich persönlich glaube, daß diejenigen, die behaupten, KY sei gefährlich, einfach in ihrer Angst verhaftet sind, es könnte etwas mit ihnen geschehen, über das sie keine Kontrolle haben.
Aus eigener Erfahrung würde ich sagen: gegen die Angst hilft es, Vertrauen zu haben (das schließt die Arbeit am erstren Chakra, das ja u.a. für Erdung, Sicherheitsempfinden und Urvertrauen steht), sich zu erden und – ganz wichtig – sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Wenn ich bescheiden und demütig mit meiner Kundalini arbeite, gerate ich gar nicht in Gefahr, machtgierig und von meinen eigenen Fähigkeiten besessen zu werden, was zu Größenwahn, Machthunger oder – wenn ich feststelle, daß die Welt mich nicht so großartig findet wie ich das selbst tu – Depression führen könnte.

Wir alle werden mit der Kundalini-Kraft in uns geboren. Wenn wir sie respektvoll und bedachtsam erwecken und in unser Leben integrieren, dann leben wir das, was uns von God, dem Universum oder wie auch immer man diese Schöpferkraft nennen will, zugedacht ist. Es ist unser Geburtsrecht, unser volles Potenzial zu entfalten und „gesund, glücklich und heilig“ zu sein, wie Yogi Bhajan sagte.

Wie bist du zum Kundalini-Yoga gekommen?

Bis 2005 habe ich Hatha-Yoga gemacht, mußte dann einige Jahre zwangsweise durch eine lange Krankheit pausieren, in deren Verlauf ich eine Behinderung erwarb, und habe dann Anfang 2012 gespürt, daß ich nun gern wieder Yoga machen wollte. Ich habe also sämtliche Hatha-Yoga-Studios in meiner Region kontaktiert, um zu erfragen, ob ich dort Yoga machen könne, und wurde rigoros mit der Begründung abgelehnt, mit einer Behinderung könne ich kein Yoga machen.

Diese Ablehnung hat mich allerdings nur dazu angestachelt, noch intensiver zu suchen. Bei meiner Internet-Recherche stieß ich dann auf eine Kundalini-Yoga-Lehrerin aus Stuttgart, die auch mit Behinderten arbeitet. Ich kontaktierte sie und ein paar Wochen später hatte sie eine KY-Lehrerin in meiner Region gefunden, die gern mit mir arbeiten wollte. Im Grunde bin ich also völlig unverhofft und „unbeleckt“ zum KY gekommen; mir war nicht mal ganz klar, worin genau der Unterschied zum Hatha-Yoga besteht *lach. Ich habe mich einfach darauf eingelassen.

Warum gerade dieser Yogastil? Was hat dich da so angesprochen und dir das Gefühl gegeben, dass es deins ist?

Bild: Amala
Am Anfang fand ich so manche „Spezialitäten“ des KY ziemlich merkwürdig, beispielsweise die weiße Kleidung, die Chants zur Ein- und Ausstimmung und die dynamischen Asanas. Allerdings merkte ich schon bei meiner ersten Yoga-Stunde, daß es wirkt. Und wie! :) KY fühlt sich für mich absolut „rund“ und wohlig an, eben weil es, wie ich schon sagte, ein Komplettpaket ist. Außerdem holt es mich in jeder Hinsicht da ab, wo ich mich gerade befinde.

KY hat mächtige Veränderungen in Gang gesetzt: ich bin viel beweglicher und fitter geworden und habe quasi nebenher rund 10 kg Gewicht verloren. Ich kann mich besser auf mich selbst fokussieren und dadurch Streß besser verarbeiten. Meine Spiritualität hat sich stark verändert. Ich habe neue Interessensgebiete hinzugewonnen, neue Bekannte gefunden. Kurz und gut, KY hat auf jeden Bereich meiner Person und meines Lebens Einfluß und das genieße ich sehr. Es fühlt sich wahnsinnig gut an, anders kann ich es nicht sagen.

Angesprochen hat mich vor allem auch die Wirksamkeit von KY. Man erreicht schnell Ergebnisse, kommt aber gleichzeitig nie an den Punkt, wo die Entwicklung stagniert. Ein spannender Prozeß.

3 Worte zu „Kundalini-Yoga und ich“:

wir gehören zusammen :)

Was gehört „immer“ zu deiner Yogapraxis?

Bevor ich ein Set beginne, lüfte ich den Raum, entzünde eine Kerze und lasse meine Klangschale singen. Die Klangschale schlage ich auch an, wenn ich mit dem Set fertig bin.

Wie und wo lebst du Yoga im Alltag?

Überall! :)
Nein, im Ernst, es ist schwierig, die yogischen Elemente gesondert zu betrachten, weil sie mein ganzes Leben durchdringen. Aber ich gebe mal ein paar Beispiele:

  • ich achte mehr auf meine Haltung
  • ich achte vermehrt auf meine Gedanken, meine Worte, meine Taten – das würde ich unter dem Stichwort Achtsamkeit zusammenfassen
  • ich koche yogisch und versuche, auch yogisch zu essen (also nur eine Handvoll und nicht maßlos, was mir nicht immer gelingt)
  • ich habe meiner Körperpflege bestimmte yogische Elemente hinzugefügt, beispielsweise das Massieren des Körpers mit Mandelöl, Ishnaan (kalte Duschen) und das Abschaben der Zunge
  • ich höre andere Musik und lese andere Bücher
  • ich wahre meine Grenzen ganz anders als vorher
  • ich nehme mich selbst ganz anders wahr und kann daher auch anderen Menschen bewußter und offener gegenübertreten
  • ich fühle mich Streß besser gewachsen
  • ich bin kräftiger und beweglicher geworden, wodurch ich Fähigkeiten zurückgewinne, die mir durch die Behinderung abhanden gekommen sind
  • und wirklich vieles mehr!

Was hilft dir, wenn dein Geist flattert?

Bewußt atmen und es einfach hinnehmen. Mal flattert er, dann kommt er zur Ruhe. Das passiert eigentlich ganz von selbst, wenn ich mir keinen Druck mache.

Wie gehst du mit „unangenehmen“ Gefühlen (Langeweile, Trauer, Wut...) um, wenn sie vor der Praxis, währenddessen oder auch danach auftauchen?

Ich versuche, sie mit neutralem Geist zu betrachten und zu ergründen, warum ich fühle, was ich fühle, wo also die Ursache liegt, und was ich daraus für mich lernen und womöglich ändern kann. Ich lasse sie zu, denn sie zu unterdrücken wäre meiner Meinung nach witzlos – wozu mache ich dann überhaupt Yoga? Sie kommen und gehen.

Wie und wo hilft Yoga dir und was bringt es dir bei?

Eigentlich gehören hier all die Dinge hin, die ich etwas weiter oben bei der Frage nach Yoga im Alltag schon aufgezählt habe. Das für mich größte Geschenk von KY liegt in der Selbst- und God-Erkenntnis, in der verbesserten Vitalität und in den vielen Anstößen hinsichtlich intellektueller Themen, die es mir gegeben hat. Yoga ist für mich ein Zuhause geworden, ein Ort, an dem ich mich wohlfühle und entfalten kann.

Gibt es etwas, womit du „aufräumen“ willst, was Kundalini-Yoga anbelangt?

Eigentlich nicht. Aber ich freue mich riesig darüber, daß sich so viele Frauen für KY zu interessieren beginnen <3

Hast du eine Buchempfehlung zum Thema – für Einsteiger und für solche, die schon länger praktizieren?

Mein liebstes Yoga-Buch ist „A Woman's Book Of Yoga“ von Machelle Seibel und Hari Kaur Khalsa, weil es nicht bei den „üblichen Verdächtigen“ stehen bleibt, sondern auch den yogischen Lifestyle darlegt, Rezepte liefert und am Ende jedes Kapitels weiterführende Fragen und Denkanstöße gibt.

Als sehr ehrlich und direkt habe ich „Yoga For Real Life“ empfunden, geschrieben von Maya Fiennes.
Bild: Amala
Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe, du uns aber gerne noch beantworten oder mitgeben würdest?

Ja, mein eigenes Rezept für Yogi-Tee :)

2 grüne Kardamomkapseln, 3 Gewürznelken und 3 schwarze Pfefferkörner im Mörser anstoßen. Ein etwa 4 cm langes Stück Zimtrinde zerbröseln. Die Gewürze ohne Fettzugabe in einem Topf unter Rühren anrösten, bis sie aromatisch duften (das dauert so etwa 1 bis 2 Minuten) – sie dürfen aber nicht anbrennen, weil sie dadurch bitter werden. 500 ml Wasser angießen, das Ganze einmal aufkochen, dann bei reduzierter Hitze 10 Minuten simmern lassen. 500 ml Pflanzenmilch dazugeben und weitere 10 Minuten köcheln lassen. Durch ein Sieb in eine vorgewärmte Kanne geben. Am besten ungesüßt trinken, da Yogi-Tee die Verdauung anregen soll.

Sat Nam!


Weitere Junikalender-Beiträge findest du in dieser Übersicht!

Kommentare:

  1. ein tolles und vor allem sehr informatives interview. :)

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  2. <3 So schön :-) Gern gelesen. Danke!

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