Freitag, 24. Februar 2017

Essen und Perfektionismus

Oh, mein Gott. Über dieses Thema könnte und müsste ich eigentlich ein Buch schreiben! 
In eine Hoteliers-Familie hineingeboren, spielte Essen bei uns zwangsläufig eine absolut zentrale Rolle. Ich habe diese Leidenschaft (und später: Hass-Liebe) bereits früh geteilt, sammelte schon in der Grundschule Rezepte, wollte unbedingt kochen und backen lernen, und die meisten meiner schönen Kindheitserinnerungen drehen sich um eins: Essen.


Im Zuge meiner PTBS entwickelte ich mit 15 erst Magersucht, später Bulimie in Verbindung mit massivem Abführmittelmissbrauch. Jahrelang war Essen mein Feind. Es gab Zeiten, da war ich mehr jenseits denn diesseits, und das ist ganz buchstäblich gemeint. Und auch wenn ich von Anfang an Therapie machte: Die Ursachen waren lange Zeit kein Thema. Es war noch nicht die Zeit für Traumatherapie. Die kam erst in den 90ern ganz allmählich in Europa an. Stattdessen war Verhaltenstherapie angesagt, und da Perfektionismus meine eigentliche Hass-Liebe war, bediente ich gut, was gewünscht war: Zunehmen. Naja, bis zu einem gewissen Punkt. Dann kippte das Ganze, und ich rutschte ab in die Bulimie. Das war nun eine ganz andere Hausnummer. Magersüchtig war ich zwar kurz vor der Sonde gewesen, aber irgendwie hatte ich noch so etwas wie Würde besessen, konnte etwas, was sich viele wünschten: Hungern. Die Würde verlor ich mit der Bulimie. Und mit ihr über Jahre ein Gefühl für den Sinn von allem. Ich habe nur noch gearbeitet, gegessen und gekotzt. Ich war völlig abgeschnitten von mir, meinem Körper und auch vom Rest der Welt. 
Um es kurz zu machen: Erst Jahre später traf ich auf eine Traumatherapeutin, mit der ich zumindest dieses "Symptom" loslassen konnte, weil es "endlich" an die Ursachen meiner Erkrankung ging.

Heute bin ich quasi trocken. Aber Essen ist immer noch ein Indikator, mein Gradmesser, dass gerade etwas schief läuft: Ich bin immer noch anfällig für innovative Konzepte, und kommen sie auch unter dem netten Namen "Healthy living" daher. Ayurveda finde ich klasse, und auch clean eating hat es mir angetan.  Ich mag keinem absprechen, dass er durch Ernährung eine Verbesserung seiner Lebensumstände bewirkt. Und ja: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Ernährung und Bewegung eine sehr große Rolle für die eigene Lebensqualität spielen. Die Antwort auf die Frage nach der richtigen Ernährung ist meiner Meinung nach dennoch eine höchst individuelle - abhängig von Konstitution, Ausgangspunkt und (Ess-)Geschichte. Und Essen ist nicht alles. Auch wenn es das lange Zeit für mich war.
Meine vegane Zeit habe ich auf diesem Blog ebenso dokumentiert, wie mein Rohkostexperiment. Ich habe im Laufe der Jahre eines gelernt: Ich weiß, dass eine meiner Schwachstellen der Perfektionismus ist, und dieses Stiefkind kann ich in den Keller sperren, wie ich will: Es klettert wieder raus und grinst um die Ecke, wenn ich grad gemütlich Tee trinke, über ein neues Ernährungsbuch gebeugt und von 1,5 Stunden Sport täglich oder Zuckerverzicht lese. Und schon rumort es, und auch wenn mein Verstand sagt, dass das zu extrem für MICH ist, beginne ich plötzlich mich in diese Richtung zu orientieren. Früher lief das einfach so weiter (s. Rohkost). Ich habe mich nicht gefragt, ob das für mich passt: Etwas hat mich interessiert, ich fing Feuer und ein neuer Selbstläufer war am Start: Beseelt und beflügelt von der Hoffnung, endlich DIE Ernährung, DAS Allheilmittel gefunden zu haben. Es klingt absurd, und das war es: Ich habe mich durch die (roh-)vegane Ernährung auf Dauer sooo eingeengt gefühlt und konnte es lange Zeit nicht zugeben. Ich tat das alles nicht für mich. 
Versteht mich nicht falsch: Ich will ethische oder auch gesundheitliche Beweggründe für die pflanzliche Ernährungsweise nicht schmälern. Sie sind wunderbar, wenn es auch DIR damit gut geht. Mein damaliger Yoga-Ausbilder brachte mich jedoch unmittelbar zum Heulen, als er die Tiere parkte, die ich ihm als Motiv nannte, und fragte: "And what about self love?" 

Das war noch nicht der Wendepunkt, aber es begann in mir zu arbeiten, und zum Glück bin ich Rebell (oder Bulimikerin*g) genug, dass ich jede Regel irgendwann in Frage stelle und die Kontrolle fahren lasse. ;) Und so merkte ich, dass auch die einst so heiß geliebte vegane Lebensweise letztlich ein Korsett für mich geworden war, zumindest mit dem Anspruch auf 100%. 
Und so kam der Tag, an dem ich mir einfach so, aus heiterem Himmel, erlaubte zu essen, was ich wollte. Immer noch bewusst und mit viel "Gesundem", aber ohne starre Vorgaben. Es gab anfangs eine Phase, in der ich fast täglich Fisch aß. Mein Körper gierte regelrecht nach tierischem Eiweiß in allen möglichen Formen. Mit der Zeit wurde das weniger. 
Heute esse ich ohne Label. Oft vegetarisch, aber auch immer wieder Fisch. Mittlerweile habe ich es etwas besser heraus, mir rechtzeitig die Erlaubnis zu geben, Regeln anzupassen. Thanks Yoga, ohne dich hätte ich es nicht so klar ERFAHREN können, was es heissen kann, so zu leben, wie es mir entspricht und mich nicht zu verbiegen. 
Um es klar zu machen: Viele Ideen aus der Ecke "Healthy living"/ "Pflanzliche Küche" sind toll... wenn sie zu Einem passen. Manche von denen, die ich ausprobiert habe, gingen komplett an mir und meinen körperlichen, sozialen und emotionalen Bedürfnissen vorbei. Andere habe ich eingepackt und freue mich noch heute an ihnen. Ich erlaube mir inzwischen mehr und mehr, auf meinen BAUCH zu hören. Ich bin immer noch experimentierfreudig, und ja: Der Perfektionismus lukt immer wieder raus. Aber ich überlasse ihm nicht mehr komplett das Feld, sondern hake freundlich ein, wenn er zu sehr übertreibt: "Danke für die Mitteilung. Ich werde drüber nachdenken."

Bild: Pixabay

Und du? Wie geht es dir mit deiner Ernährung? Liebe, Hass-Liebe oder?

Liebste Grüße aus dem jecken Rheinland,
Frau Momo

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...