Freitag, 10. März 2017

Selbstfürsorge

Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich zwar wusste, dass ich mich mehr annehmen und für mich sorgen sollte, aber ich hatte einfach keine Ahnung, wie, und ich wünschte mir ernsthaft eine Bedienungsanleitung, etwas, dass ich TUN konnte.
Über die Beschäftigung mit Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und durch das Verschlingen langer Reihen von Ratgebern geriet ich in die dir sicher bekannte bekannte Optimierungsfalle. Ich verlor meine eigentliche Motivation regelmäßig aus dem Blick: Eigentlich wollte doch nur, dass es mir besser ging. Anstelle dessen war mein Handeln gespeist aus dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, denn das war meine innere Überzeugung, die sich seit Jahren in meinem Leben bestätigte. Zudem war ich verwirrt und überfrachtet von der Fülle an Antworten auf die Frage, was ich TUN kann:
- Ernährung
- Bewegung
- Entspannung
- Glaubenssätze loslassen und neue kultivieren
- aus dem Herzen leben
- kreativ sein
- und, und, und.     


Ich wurde immer erschöpfter, weil auch zuviel des Guten unter´m Strich zuviel ist. Letztlich lässt sich ein "Problem" nicht auf die Weise lösen, wie es entstanden ist: durch Anspannung, Self-Care durchziehen, machen, dran bleiben. Nichts gegen diese Qualitäten: Ich habe durch sie in meinem Leben schon viel zum Positiven verändert. Ich bin sehr ziel- und leistungsorientiert erzogen worden, und das hat mir in vielerlei Hinsicht auch geholfen. Aber diese Art zu leben hat natürlich auch ihre Schattenseiten: Viele Jahre habe ich verzweifelt versucht, mein Leben umzukrempeln, mehr x und weniger y zu sein. Meine Vorgehensweise war innerlich gespeist von Selbstkritik, Härte und Angst. Das waren mir bekannte Qualitäten, auch wenn sie mir einen enormen Treibstoff gegeben haben, um viel zu erreichen. Nur: Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich nicht mit mir und meinen eigentlichen Herzenswünschen in Verbindung war, obwohl ich doch darauf abzielte.
Ich habe mich zugedonnert mit Self-Care-Routinen, habe also auch hier mein altes Konzept fortgesetzt: Volle Fahrt voraus, dranbleiben, auch wenn der Reserve-Button längst dunkelrot leuchtete. Auf diese Weise habe ich wieder und wieder Erschöpfung produziert, weil meine Qualitäten nicht ausbalanciert waren, unsere "westliche" Lebensweise mich komplett absorbiert hatte.
Ich habe kein Patentrezept gefunden. Aber es gibt schon ein paar Fragen, die mir heute helfen, meinen ganz und gar unperfekten Weg zu gehen. Unperfekt, weil ich natürlich immer noch gewisse Tendenzen und Stressmuster habe, die anspringen, wenn ich unter Druck gerate. Und für Druck sorge ich selbst am besten. ;) 



Ansstelle von zu starren To-Do-Listen habe mir angewöhnt mich selbst täglich zu fragen:
"Was kann ich heute für mich tun?" 
"Was würde mich jetzt nähren?" 
"Was könnte mich ein winziges bißchen glücklicher machen?"
Wenn du sehr erschöpft bist und lange Raubbau mit deinen Ressourcen betrieben hast, kann es sein, dass da Träume von Urlaub auf Bali u.ä. aufkommen. So ging es mir jedenfalls, nachdem ich über viele Jahre hinweg chronisch über meine eigenen Grenzen getapert und mich selbst bis zum Limit des Möglichen getrieben habe. Am liebsten hätte ich ein Jahr Auszeit genommen, und das nicht nur einmal. Es war zum Lebensgefühl geworden. 
Vielleicht bist du in der glücklichen Lage, dir den Wunsch nach einem Flugticket tatsächlich zu verwirklichen, doch ein Urlaub wird dich nicht dauerhaft retten, wenn du die anderen 50 Wochen im Jahr nicht auf dich achtest. So viel ist sicher. Und genau das war mein Problem: Ich hatte zum Einen nicht das Geld für Bali, aber ich wusste auch einfach gar nicht, wie das mit dem Pausen-Machen und (stressfrei) Auftanken wirklich funktioniert. Die PTBS tat ihr Übriges zu einer permanenten Übererregung, die es nicht zuließ "loszulassen". Entspannung triggerte häufig, und so katapultierte ich mich wiederum in die Übererregung.
Es dauert, diese jahrelang eingespurten Autobahnen zu verlassen, aber ich bleibe am Ball, weil ich einfach ein Dickkopf bin (thanks Yang!). ;) Auch heute sind Pausen alles Andere als selbstverständlich für mich. Aber ich gehe den Weg, lerne mich runterzuregulieren, ein Ge fühl von Sicherheit zu etablieren, wenn der Sympathikus wieder mal überaktiv ist und differenziert auf meine Be- dürfnisse einzugehen, anstatt immer das Yogapflaster auszupacken. Yoga ist super, aber manchmal bin ich einfach zu "drüber" und brauche etwas Anderes. 
Was ich damit sagen will: Ich esse doch auch nicht jeden Tag Spaghetti, auch wenn Spaghetti lecker sind. Ich erspüre, worauf ich Hunger habe - auch in seelischer Hinsicht -, und ich sorge für Abwechslung, sowie dafür, dass mein Körper bekommt, was er braucht. Insofern ist es natürlich sinnvoll eine Vielfalt zu haben, auf die ich zurückgreifen kann. 

Und auch bei dem Punkt bin ich in die altbekannte Perfektionismus-Falle getappt: Zu viel und zu groß auf einmal. So wurde selbst Entspannen zum Streßfaktor, meine Selfcare-To-Do-Liste immer länger und ich selbst immer kaputter. Ich durfte und darf auch hier lernen mich von überhöhten Anspruchen loszusagen und zu erkennen, dass es in meinem Fall nicht nur um das Aufbauen neuer, positiver Gewohnheiten ging, sondern auch um die Fragen:

Was nährt mich nicht? Was darf ich loslassen? Wo ist etwas einfach zuviel?
- ungesunde Beziehungen, 
- ausgediente Verhaltensweisen

- überkommene Grundüberzeugungen
- vermeintliche Idealbilder wie das, jeden Tag um 5:00 Uhr x Minuten meditieren zu müssen
- ...
Ich durfte und darf lernen mein hohes Anspruchsdenken auf eine liebevolle Weise ein Stück weit runterzuregu-lieren (was natürlich wiederum Selbstwertfragen aufwarf) und  
kleine Schritte bzw. eher weniger als mehr zu machen

Es muss nicht täglich 1 Stunde Sport sein, es sei denn, es geht dir damit wirklich, wirklich, wirklich gut. Dann mach sie in Gottes Namen. :) Wir sind ja alle verschieden in unseren Bedürfnissen. 
Wenn du gerade dabei bist eine neue Gewohnheit wie eine regelmäßige Yogapraxis aufzubauen, kann es durchaus hilfreich sein, erst mal mit 5 Minuten anzufangen und  schrittweise aufzubauen, bis du deine Form gefunden hast. Ich habe ewig versucht, ein 2,5 stündiges tägliches Sadhana zu lieben, aber es kam der Punkt, an dem ich erkannte dass ich kein Problem mit meinem inneren Schweinehund hatte, sondern dass "das" einfach nicht ich war. Ich darf viel ausprobieren, mich auch inspirieren lassen, aber wenn es mich nicht nährt, lasse ich es gehen, auch wenn alle Welt vielleicht vom Wert der Meditation xy redet! Letztlich geht´s nicht um die Welt, sondern um mich, oder? Und nur ich kann in meinem System erspüren, was mir wirklich Energie gibt, und sei´s der Schnulzenfilm oder etwas Anderes vermeintlich Profanes! 
Das heisst nicht, dass du dich nicht auch herausfordern "darfst" oder jede Art von Routine schlecht ist - im Gegenteil. Es geht auch hier einfach um ein Gleichgewicht zwischen Aktivität und "Tanken". Neue Gewohnheiten mögen dich sogar aus der Komfortzone herauslocken, aber sie sollten dir im Endeffekt
mehr Energie geben als sie dir rauben.

Aus meiner Erfahrung heraus erlebe ich z.B. die Beschäftigung mit meinen Glaubenssätzen über Affirmationen und Spiegelarbeit* nach Louise Hay als sehr hilfreich, aber ich kann dir nicht sagen, ob es dir auch so geht. Du kannst nur selbst herausfinden, ob du diese Erfahrung machen möchtest und welche Form für dich stimmig ist. Ich kann festhalten, dass auch hier (für mich) weniger mehr ist und ich mir erlaube, vorgegebene Schemata anzupassen, wenn es mir dadurch besser geht

Nochmals zusammengefasst:

~ Was nährt mich? (welche Musik, Bewegung, Nahrung, Entspannungsform, welche Hobbies, Beziehungen, was für eine Art von Self-Care-Praxis...?) 
~ Was kann ich heute (als kleinsten Schritt) für mich tun?
 -> Wenn wir sehr weit weg von uns erschöpft sind, und sich so gar keine Antwort einstellen will (Übung macht den "Meister", auch wenn´s doof klingt): Try  & error - probiere dennoch etwas aus, das dich erst mal möglichst wenig Energie kostet (sei´s ein Bad oder 5 Minuten Yoga...) und achte darauf, wie deine Körperempfindungen sind.
~ Was nährt mich nicht? Was darf ich loslassen? Wo ist etwas zuviel?
~ Gibt mir die Sache/ Person xy (auf Dauer) mehr Energie als es/sie/ er mir raubt?
~ Schau, wieviel Vielfalt du brauchst und wann es zuviel wird.
~ Erlaube dir vorgegebene Programme (ob im Yoga oder sonstwo) anzupassen, dein eigenes Tempo, deine eigene Form zu finden.  
~ Erlaube dir Qualität vor Quantität. Finde auch hier dein Maß!


Kristin von Eat Train Love hat einen wunderbaren Artikel geschrieben und schlägt 11 mögliche Wege vor, um mehr Selbstfürsorge und -Liebe zu praktizieren. Gerne möchte ich dir auch ihren (super zum Thema passenden) neuen Podcast und ganz besonders Folge 2 über das Yin-Prinzip ans Herz legen! Wenn du magst, verrate uns in einem Kommentar gerne, was dir hilft Selbstfürsorge auf entspannte Weise zu leben.

Ich bin so neugierig! :)
Von Herzen alles Liebe, Frau Momo

Kommentare:

  1. Danke!!, denn mit meinen hohen Ansprüchen quäle ich mich gerade selbst und dass ist mega Kontra produktiv ....Also ein Schritt zurück ��

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. <3 Alles, alles Liebe dir! Eigentlich sind es ja Mechanismen, die uns irgendwann mal weitergeholfen haben, nur sind sie nicht immer angemessen. 80% reichen locker, aber es ist halt echt ein Prozess das umzusetzen...
      Liebste Grüße,
      Frau Momo

      Löschen

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...